Rede zur Ausstellung von Dr. Günter Baumann.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde der Kunst und des Kunstvereins, liebe Künstler,

wie lange ist es nun her, dass wir eine Ausstellung eröffneten mit einer ordentlichen Begrüßung! Und gleich vorweg: sie ist notgedrungen eine nachgereichte und somit eine der zweiten Wahl. Denn die Eröffnung liegt schon etwas zurück – und die Künstler und Kollegen hatten die Gäste schon in Empfang nehmen können. An dieser Stelle begrüße ich in unserer Runde genau diese drei Künstler, deren Werk wir im Kunstverein zeigen: Heiner-Matthias Priesnitz, Fabian Holzwarth und Jabob Bareiss. Herzlich willkommen auch heute zur Midissage. Wir werden es nun nicht zur Gewohnheit machen, mitten in der Ausstellung so zu tun, als hielten wir eine Vernissage ab. Deshalb soll das hier auch eher ein Mittelding zwischen langer Einführung und kurzer Begrüßung werden. Eine Art Zwischenruf am internationalen Museumstag, der auch etwas Raum für die Funktion der Kunst haben sollte.

Zweieinhalb Jahre Corona haben jeden Rhythmus durcheinander gebracht. Noch immer scheint der Besuch einer Ausstellung manche Menschen abzuschrecken. Zugleich stehen wir in einem kolossalen Angebotsfeld nachgeholter, neuer, ersehnter Events in allen künstlerischen Bereichen. Mir scheint in letzter Zeit das riesige Angebot so manchen zu überfordern, dass die Entscheidung, entweder hier oder da oder dort hinzugehen, auch so ausfallen kann, dass man vielleicht gar nirgends hingeht. Dazu kommt ein Krieg vor der wohlstandsverwöhnten Haustür Europas, der am grausigen Vernichtungswillen eines egomanischen Verbrechers in Moskau kaum je vorstellbar gewesen ist nach 1945. Und ich kann und will es seit dem Überfall auf die Ukraine nicht aussparen, davon zu reden, dass wir nach fast 80 Jahren erstmals in einer global lebensbedrohlichen Krise stecken – die Folgen des Klimawandels lasse ich hier mal außen vor. Auch, dass Donald Trump einen bösen Geist aus der Flasche entließ, der Wahrheiten nachhaltig und erfolgreich auszuhebeln vermochte. Nein, es geht mir um die zaristischen Wahnphantasien Wladimir Putins, der zumal auf verlorenen Posten in Kauf nimmt, dass ein autonomes Nachbarland total zerstört wird – und ich meine mit dem Wort »total«, bewusst im Gebrauch der Nazisprache, den erbarmungslosen Mord unschuldiger Menschen. Total auch im Hinblick darauf, dass sich dieser Schrecken bereits vor der bedrohlichen Kulisse eines Weltkriegs abzeichnet. Der Versuch Putins, die westliche Welt durch Cyberkriminalität zu destabilisieren, und nun auch eine Hungerkatastrophe in der Dritten Welt heraufzubeschwören, indem er die Ausfuhr des ukrainischen Getreides zu sabotiert, lässt uns nicht grundlos in den Gedanken verfallen: Brauchen wir die Kunst, die Künste? Flucht, Vertreibung, Rechtsradikalismus, Inflation, Altersarmut, Arbeitslosigkeit greifen auch in den freien Gesellschaften um sich. Was kann die Kunst hier ausrichten?

Und jetzt kommt das Wort zum Sonntag: Wir brauchen sie mehr denn je! Sie muss dabei nicht grundsätzlich politisch sein, und sie muss sich nicht mit den aktuellen Problemen selbst befassen. Das schaffen die Krisen selbst. Ich behaupte zumindest, dass unsere Wahrnehmung nicht im luftleeren Raum funktioniert. Der Blick auf die Kunst ist heute ein anderer wie vor Jahren. Und so schauen wir heute auch anders auf die Arbeiten, die nun im Kunstverein gezeigt werden, obwohl sie so weit weg zu sein scheinen von dem Grauen unserer Zeit – das es übrigens immer schon gegeben hat. Dabei ist es auch durchaus redlich zu sagen: ja, es tut mir gut, Kunst anzuschauen, um auf schöne Gedanken zu kommen. Damit bin ich auch endlich in der aktuellen Ausstellung des Böblinger Kunstvereins.

Wer sich dem Werk Heiner-Matthias Priesnitz‘ im lauten Getöse des Weltgeschehens oder von der Reizüberflutung des Alltags her nähert, sieht erstmal ….: nichts. Erst wenn der Betrachter willens ist, ein paar Gänge zurückzuschalten, wird er in scheinbar vernebelte Räume gezogen, die ihm vergegenwärtigen, dass auch die Stille tönt. Ich bin immer begeistert, wenn ich die Formulierung des Philosophen Martin Heidegger vom Geläut der Stille in der Kunst erfahren kann. Vergleichbar dem Phänomen, dass sich das menschliche Auge im Dunkeln erst allmählich daran gewöhnt, etwas zu sehen, bedarf es angesichts der Bleistiftzeichnungen von Heiner -Matthias Priesnitz selbst im Licht eine geraume Zeit, bis das Auge die zarte Strichführung erfasst. Die extreme Härtestufe des Stifts lässt sparsam eingerichtete Interieurs erahnen, die im Duktus wie im Inhalt an Verweigerung grenzen: Der Künstler nimmt nahezu trotzig in Kauf, dass man seine Arbeiten kaum fotografieren kann – man muss schon selbst davorstehen, um sich eine faszinierende Bildwelt zu erschließen. Der Künstler beschreibt seine Intention folgendermaßen: Bezeichnend seien für ihn die Vereinfachung der Bildgegenstände, die Kargheit und – das finde ich in seiner Konsequenz spektakulär – der Amor Vacui. Dazu muss man etwas ausholen: Die Kunstgeschichte kenne den sogenannten Horror vacui, der insbesondere für das Zeitalter des Barock charakteristisch ist, aber auch einen europäischen Wesenszug kennzeichnet. Diesem Drang, die ganze Leinwand oder einen anderen Bildträger vollzukomponieren, stellt Priesnitz antipodisch das Nicht-Sein entgegen. Er gibt damit auch eine durchaus europäische Antwort auf die Ästhetik der ostasiatischen Kunst, die im 20. Jahrhundert einen mächtigen Einfluss auf den Westen hatte. Diese Bleistiftzeichnungen verfallen nicht dem Reiz dieses Einflusses. Er geleitet nur die eigene Tradition auf eine eigene Umlaufbahn der Kunst, die hier ziemlich einzigartig ist.

Während der 1944 in Breslau geborene Zeichner Heiner-Matthias Priesnitz noch einer Generation angehört, die in den Weltkrieg hineingeboren wurde und die nach dem Krieg oft vergebens auf die Rückkehr der Väter aus der Gefangenschaft warten musste. Das Verschwinden, der Verlust sind die Kindheitserinnerungen, die auch Priesnitz geprägt haben. Seit den 1970er Jahren gab er in seinen Papierarbeiten der optischen Geräuschminimierung seinen eigenwilligen Ausdruck, welcher ihm ein Stipendium an der Villa Massimo in Rom einbrachte. Dass er als passionierter Rockmusiker auch laut sein kann, macht seine Kunst nur umso meditativer und bewusster. So wird diese Nicht-Malerei zur Haltung gegen die krachende Präsenz einer oft brutalen Wirklichkeit. Die Ausstellung »Interieurs d’Attents« – der nuancenreiche Titel könnte auch als »Interieurs d’Attends« gelesen oder gehört werden – verweist auf Warteräume, oder auch auf er-wartende Räume, sprich: auf die Einladung, visuell einzutreten. So wird der nur geahnte Raum zum passiven Aufenthaltsort für die Seele, die Gedanken, was auch immer, und zugleich zum aktiven Raum, der uns ins Bild holt.

Dieser kleinen Werkschau im Kabinett des Kunstvereins ist eine Präsentation des Fotografen Fabian Holzwarth im Projektraum an die Seite gestellt, die das Thema Innen- und Außenraum ganz anders ausformuliert. Ich bin selbst fasziniert über die Dialogfähigkeit beider Ausstellungen. Denn ich muss gestehen, dass ich eher die politischen Street-Fotos des Künstlers vor Augen hatte, als ich ihn im Projektraum neben der Hauptausstellung einplante. Er selbst kannte das Werk Heiner- Matthias Priesnitz‘ nicht, schlug dann aber die nun präsentierten Arbeiten vor. In dieser kommunikativen Nähe entstehen so Gegenentwürfe eines Themas, das uns bewegt, da wir ständig – vom Umraum her verstanden – immer außen oder innen sind. Und seit sich die virtuelle Welt in unsere wirkliche Welt eingeschlichen hat, sind wir uns nicht mehr immer so ganz sicher, ob wir nun drinnen oder draußen sind. Drastisch benennt der 1991 in Ludwigsburg geborene Schüler der Malerin Cordula Güdemann seine Ausstellung »Ein_reißen & Zusammen_setzen«. Aufgewachsen in einer analogen und friedlichen Welt, setzt er sich mit den Wirklichkeitsüberblendungen des digitalen und virtuellen Zeitalters auseinander. In der Reflexion auf eine nicht enden wollende Pandemie und der aktuellen Bedrohung durch einen neuen Weltkrieg lesen sich diese Fotografien wie die Neuerfindung einer zu Bruch gegangenen heilen Welt – im Bewusstsein all des Unheils im großen Ganzen, im zuweilen stacheldrahtumgrenzten Außenraums, dem er den kleinen Innenraum als Rückzugsort einverleibt. »Man weiß eigentlich gar nicht«, so sagt Holzwahrt, »woher jetzt die Ressourcen kommen, aber irgendwo schlummert immer noch Zuversicht, und daraus schöpft man neue Energie.« Die gezeigten Fotografien sind von einer irritierenden Schönheit – mal leuchtet ein blühendes Gezweig aus der Nacht heraus, mal entfaltet sich ein Stück Stacheldraht nicht minder eindringlich durch dieselbe Nacht. Beides taucht in anderen, surreal anmutenden Architekturphantasien wieder auf. Das geht in der Konsequenz so weit, dass die Grenzen sich auflösen, hier und da sogar zeichnerische und malerische Elemente ins Bild drängen, bis am Ende eine gegenstandsfreie Lichtbildnerei übrig bleibt: so wurde die Fotografie einst genannt.

Neben diesen beiden Ausstellungen, die in den benachbarten Räumen auf so unterschiedliche Weise Innen- und Außenräume widerspiegeln, zeigt der Kunstverein in der unteren Etage experimentelle Bildphantasien des 1990 in Mutlangen zur Welt gekommenen Künstlers Jabob Bareiss. »Tiger umarmt Hund« heißt seine knallige Schau, die Comic, Pop und abstrakte Ornamentik vereint. Seine Stärken liegen in der zeichnerischen Brillanz und dem Einsatz unterschiedlicher Materialien: das Textile eines Schlafsacks ist ihm genauso lieb als Malgrund wie Papier oder Kunststoff und Fotografie. Im Gegensatz zu Priesnitz und Holzwarth, die den Raum zum Thema machen, bleibt Bareiss entschieden in der Fläche, dafür bezieht er den Ausstellungsraum aktiv in seine installative Präsentation ein. Augenzwinkernd kombiniert Bareiss Mögliches und Unmögliches, lässt der Phantasie des Betrachters freien Lauf. Dabei entdeckt man in der Figuration, die teils erst auf den zweiten Blick aus der Farbigkeit der Bilder auftaucht oder absolut präzise wahrgenommen ist, deutliche Zeichen des Miteinanders von Mensch und Tier. Was ich hervorheben möchte, ist weniger der Schlafsack als Bildträger, der als solcher eine Art Schutzfunktion hat und durch das installative Arrangement auch symbolische Funktion erhält, sondern das Geringste unter den Dingen, die ich mir als künstlerisches Medium vorstellen kann: Kaugummi. Ja, richtig – etwas unscheinbar in der Größe hängt eine Buchseite an der Wand, mit Acryl und Wasserfarbe bemalt sowie mit Kaugummi versehen. Darf das Kunst sein? Und wie hängt das mit meiner Behauptung vom Beginn meiner Ausführungen zusammen, wie wichtig Kunst heute ist? Wird sie hier nicht regelrecht entwertet? Jan und nein, würde ich salomonisch sagen. In unserer Wegwerfgesellschaft dürfte der Kaugummi neben der Zigarettenkippe der meistentsorgte Gegenstand in der Öffentlichkeit sein. Hier und da wird durch Verbote und spezielle Zonen die entsorgte Zigarette in der Abfallbeseitigung noch eher gelenkt, zumal sie auch einfach wegzufegen ist. Der Kaugummi ist eine Hinterlassenschaft, die verdammt hartnäckig sein kann auf den Böden der Welt – Singapur vielleicht ausgenommen – ihr Unwesen treibt. Sozusagen allgegenwärtig. Nun könnte man fragen: Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Achtlosigkeit, weil man gar nicht dran denkt, das elastische Ding ordentlich zu entsorgen, oder Achtlosigkeit, weil wir das kaum wirklich wahrnehmen? Und auf die Kunst bezogen: Wer verlangt heute ernsthaft noch von der Kunst, das Edle Schöne Gute im Menschen allein zur Anschauung zu bringen? Wie vergänglich die Welt sein kann, das sehen wir deutlicher denn je – wer fordert da von der Kunst, dass sie ewig währen sollte? Das gibt dem Künstler alle Möglichkeiten. Und es gibt kaum etwas, was es nicht auch schon gibt. In London fiel vor wenigen Jahren der knapp 60jährige Künstler Ben Wilson auf, der die Kaugummis auf den Straßen bemalte und als Chewing Gum Man bekannt wurde. Es geht auch Jakob Bareiss wie jenem britischen Künstler um ästhetische Fragen fern jeglicher Haltbarkeit. Das Leben ist flüchtig geworden, der Abfall ist ein Wirtschaftsfaktor geworden, die Fragen der Nachhaltigkeit sind wichtiger als die des schönen Scheins. Und doch wertet der Künstler sozusagen eine Randerscheinung des Wegwerfzeitalters auf, um zu zeigen: Egal was es ist, das Geringste unter der Sonne oder einfach etwas, was wir lieber nicht vor Augen haben wollen, es ist Ausdruck unserer Zeit. Und nebenbei bemerkt: die Gesichter, die auf dem Blatt des Künstlers durch den Kaugummi akzentuiert werden, machen diese Arbeit zum Cappricco der Wahrnehmung. Wer hätte den Menschen darauf gesehen, wenn der Kaugummi nicht draufkleben würde?

Zugegeben: Da ist ein sinnliches Gefälle zwischen dem harten Bleistift bei Heiner-Matthias Priesnitz und dem weichen Kaugummi bei Jakob Bareiss. Doch hat das eher mit unserer Vorstellung zu tun als mit dem Gehalt der künstlerischen Botschaft. Beidesmal geht es um eine Provokation. Der eine entzieht uns den Blick auf Dinge, die uns für unsere Daseins-Orientierung wichtig sind. Der andere verlangt von uns, etwas zu betrachten, was wir vielleicht gar nicht sehen wollen. Der Dritte im Bunde der Kunstvereinsschau kann noch eingereiht werden: Fabian Holzwarths Fotografien stellen uns die Frage, ob wir überhaupt wissen, was wir sehen können oder wollen.

Die drei Ausstellungen sind noch bis zum 29. Mai im Künstlerhaus Altes Amtsgericht zu sehen. Gebt eure Eindrücke gerne weiter – die Kunst braucht euch, so wie wir die Kunst brauchen, um uns der Werte in uns und in unserer bedrohten freien Welt gewahr zu werden, die allzu oft nur mal so hingenommen werden.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Günter Baumann, Mai 2022

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